“Für mich persönlich ist es ein Hilfsmittel, um mein wissentlich unnachhaltiges Verhalten scheinbar nachhaltiger zu machen, sprich ich erkaufe mir das gute Gewissen.”

Fangen wir doch aber am Anfang an: was sind Klimakompensationen denn überhaupt? Laut carbon-connect.ch definieren sich die Kompensationen wie folgt: “Klimakompensation ist ein Instrument zum Klimaschutz, bei dem verursachte Treibhausgase-Ausstösse durch Einsparungen beim Treibhausgas-Ausstoss oder Speicherung von CO2 (durch Wälder, Aufforstung) anderorts wieder ausgeglichen wird. Der Netto Treibhausgasausstoss bleibt gleich. In der Praxis erlaubt die Klimakompensation nicht vermeidbare Treibhausgas-Emissionen durch die Finanzierung von Klimaschutzprojekten an anderer Stelle auszugleichen. Für die Atmosphäre spielt es keine Rolle, wo auf der Erde CO2 emitiert und wo dieses wieder eingespart wird.”. Für mich fängt es da schon wieder an kompliziert zu werden, wenn ich ganz ehrlich bin. Wie immer, wenn es in meinem Kopf Chaos gibt, teile ich mir die Informationen mal in kleine Häppchen auf und gehe Schritt für Schritt vor.

Erstes Fragezeichen: Wenn ich selber meine verursachten Emissionen kompensiere, indem jemand anders den Ausstoss minimiert, schiebe ich das Problem nicht einfach nur ab? Gleicht sich das aus durch das unterschiedliche Verhalten der Leute? Oder wird jemand anderem etwas verboten, weil ich mir Rechte herausnehme? 

Zweites Fragezeichen Mir ist bewusst, dass mehr Bäume gut sind für die Erde und die Rodungen wirklich überhand nehmen, aber realistisch gesehen, wieviele Bäume müssen gepflanzt werden, um wirklich einen Impact zu machen? 

 Drittes Fragezeichen Ich kann mir für mich total schlecht vorstellen, dass wenn wir hier in der westlichen Welt einfach die Emissionen so raushauen, wir aber in Afrika Bäume pflanzen, das alles gut wird. Und vor allem kommt für mich hier die soziale Komponente ins Spiel: wälzen wir die Verantwortung nicht oftmals auf die ab, die sich nicht wehren können? Wenn wir in Afrika Bäume pflanzen, nehmen wir den Menschen nicht den Raum für andere Projekte bzw. zwingen sie in etwas, was sie nicht wirklich wollen? 

 Ihr seht, wenn man sich nur mal kurz damit beschäftigt, kommen bei mir viel mehr Fragezeichen hoch anstatt welche zu klären. Also weiter geht die Recherche.

Einsparung Treibhausgas-Emissionen

Climatepartner sagt, dass “im Grunde () Klimaschutzprojekte Projekte (sind), die anderen auf dieser Welt zu einem würdigeren Leben verhelfen.” Das geschieht, indem sie Zugang zu sauberem Wasser, sauberer Energie, sauberen Kochöfen und Licht egal zu welcher Tageszeit bekommen. Ich stimme vollkommen zu, dass das alles erstrebenswerte Dinge sind, aber um hier mal Teufels Anwalt zu spielen, ist es nicht etwas vermessen, dass die westliche Welt sagt, dass das toll ist für die Menschen in ärmeren Gegenden und deshalb nutzen wir es, um uns ein gutes Gewissen zu kaufen? Oder ist es tatsächlich ein Win-win für alle? Den Menschen wird geholfen und unvermeidbare Emissionen werden kompensiert. Ich glaube für mich macht es schon Sinn, dass es einen Mehrwert für beide Seiten geben darf bzw. soll, doch ich sehe einen Bedarf für Bedingungen. Einerseits finde ich, müssen die Projekte langfristig angelegt sein und es sollte eine Hilfe zur Selbsthilfe sein. Und vor allem eine Hilfe, die auch wirklich gebraucht wird. Sprich, den Menschen vor Ort wird Starthilfe gegeben und man hilft unterstützend um das Projekt auf den richtigen Weg zu bringen. Und man muss Raum geben, für ehrliches Feedback der Teilnehmer, denn nur wenn es in ihrem Alltag verhebt, kann die Lösung langfristig funktionieren. Eben wie bei allen Dingen im Bereich Nachhaltigkeit. Ausserdem finde ich, muss der Bedarf tatsächlich geklärt werden, sprich eine Freiwilligkeit der mitmachenden Personen bestehen. Es geht nicht, dass jemand bestimmt, dass das gut für die Menschen ist und deshalb geschieht es. Und dann zu guter letzt, finde ich es unvermeidlich, dass es um unvermeidbare Emissionen geht, nicht darum “alle” Emissionen wettzumachen. Sprich, wir sollten uns bemühen, bereits Emissionen einzusparen. Denn auch wenn alle die Hilfestellungen langfristig bestimmt ein Mehrwert für die Menschen vor Ort bedeutet, bin ich sicher, dass es auch Unruhe bringt und viele Neuerungen, die nicht von allen mit offenen Armen angegangen werden. Und wenn wir von anderen erwarten aufgrund unseres Verhalten und den damit verbundenen Emissionen ihren Lebensstil zu ändern, wir aber die Emissionen kompensieren müssen, weil wir unseren Lifestyle nicht ändern möchten, dann ist doch irgendetwas falsch, oder? Ich finde es ist ein Zeichen von Respekt, dass wir zumindest versuchen, etwas zu ändern bevor wir “einfach” die schnelle Lösung Kompensation nutzen.

Speicherung von CO2

Um 1 Tonne CO2 jährlich zu binden, braucht es alleine 80 Bäume. Das ist bereits eine vereinfachte Rechnung, denn es ist nicht berücksichtigt, dass Bäume erst ab einem gewissen Alter überhaupt CO2 aufnehmen bzw. binden können und es auch Unterschiede gibt zwischen verschiedenen Baumarten. Aber wir rechnen einfach mal mit dem vereinfachten Wert weiter, das ist gut für mein mathematisches Nicht-Talent. Laut Bafu ist die pro Kopf Emissionen von CO2 in der Schweiz geringer als in anderen Industrienationen, jedoch mit ca. 4,5 Tonnen CO2 höher als in vielen Entwicklungsländern. Das heisst um die Emissionen eines einzelnen Schweizer zu binden, braucht es pro Jahr 344.8 Bäume. Ein 2019 geborenes Kind hat eine Lebenserwartung von 87 Jahren. Also muss ein Durchschnitts-Schweizer für seine lebenslangen Emissionen knapp 30`000 Bäume pflanzen, was schon wirklich viel ist. Zu viel für mein Empfinden. Und da frage ich mich schon, ist das ein realistisches Ziel? Wenn man einfach mal davon ausgeht, dass die Schweizer für eine Industrienation schon “gut” dasteht und andere Durchschnittspersonen viel mehr Bäume zur Kompensation ihrer Emissionen bräuchte, gibt es die Welt überhaupt her, dass wir “nur” kompensieren anstatt unser Verhalten zu ändern? Ich glaube die Antwort ist klar “nein”, aber das ist wohl auch nicht das Ziel von Kompensation. Es ist nicht die Absicht, alle Emissionen “einfach” nur zu kompensieren, anstatt deutliche Einsparungen durch Erneuerungen, Änderungen und Anpassungen zu machen.

Weltweite Kompensation

Grundsätzlich bin ich ja ein Freund davon, dass jeder vor seiner eigene Türe kehrt, wenn es um das Thema Nachhaltigkeit geht. Das heisst, dass sich niemand darauf verlassen sollte, dass es die anderen schon richten, sondern man sich an die eigene Nase fasst und selber zurück steckt. Das scheint nicht das Prinzip der Kompensationen zu sein, denn wir können Emissionen verursachen und die Menschen auf der anderen Seite der Welt sparen ein. Und so gelangt es dann irgendwann zu einem Gleichgewicht des Gesamten. Klingt toll, oder? Doch ich frage mich schon, ob das ein jemals realistisches Szenario werden wird. Obgleich das Klima überall auf der Welt verrückt spielt bzw. gerade aktuell grosse Veränderungen durchmacht, gibt es nunmal Regionen, die viel schlimmer betroffen sind als andere. Daher frage ich mich, ob es Sinn macht überall Bäume zu pflanzen oder ob lokale Aufforstungsprojekte auch stabilere Klimaszenarien fördern würden. Die Frage hat mich so beschäftigt, dass ich mit meinem persönlichen Baumexperten Chris von Click a Tree gesprochen habe. Zwar beschäftigt sich seine Firma nicht mit dem Thema Kompensation, aber er kennt sich genug aus um mir manche Frage zu beantworten. Und unter anderem hat er mir erklärt, dass es Sinn macht, Bäume zum Beispiel in tropischen Regionen zu pflanzen, da sie dort viel bessere Wachstumsbedingungen vorfinden, sprich schneller und stärker wachsen. Was dann wiederum bedeutet, dass sie schneller anfangen, CO2 zu binden und damit hilfreich zu sein bei der Kompensation. Und ja, mit etwas mehr Gedankenschmalz wäre ich vielleicht auch selber bei der Antwort angekommen, aber wofür hat man denn Freunde =) Weiter hat Chris bestätigt, dass es egal ist, wo auf der Welt das CO2 gebunden wird bzw. produziert wird, solange es gebunden wird und das langfristig. Damit scheint also der Gedanke logisch, dass man dort pflanzt, wo Bäume bessere Wachstumsbedingungen haben. 

Ich bin aber auf etwas ungewöhnliches gestossen in Deutschland. Dort gibt es keine Klimaschutzprojekte bzw. wenige, weil durch die Einsparung der Emissionen die Berechnung so wankt, dass man erst einmal schauen muss, wie Emissionen nicht doppelt gerechnet werden können. Das ist jetzt ganz vereinfacht dargestellt. Aber im Grundsatz verstehe ich es so, dass Kompensationen zwar toll sind und teilweise auch vorgeschrieben werden sollen, aber es zu kompliziert ist, das ganze einen Schritt weiter zu treiben und im eigenen Land die Voraussetzungen zu schaffen. Und das macht mich recht stutzig. Denn wir schwer kann es sein, diese Rechnung zu lösen und die Emissionen dementsprechend richtig zu kalkulieren, sodass die Abgaben den Vorgaben des Pariser Abkommens entspricht? Ich glaube es wird genügend kluge Köpfe geben, die dies können. Ich lasse das mal hier so stehen und jeder kann sich denken was er will. Für mich würde es immer noch Sinn machen, dass zumindest ein Teil der Emissionen im Entstehungsland kompensiert werden müssen. Und wie dies dann geschieht, ist ja eine zweite Frage. Fakt ist doch aber, dass wir immer mehr Emissionen verursachen, schon alleine aufgrund der wachsenden Wirtschaft und unseren Lifestyles, wir aber nicht die Konsequenzen tragen wollen. Und mit Konsequenzen meine ich, dass auch wir Land “hergeben” um Aufforstungsprojekte umzusetzen.

So jetzt bin ich selber erschlagen von all den Informationen. Jetzt kann ich zwar für mich beantworten, dass ich Klimaschutzprojekte bzw. Kompensationsangebote richtig und wichtig finde für NICHT VERMEIDBARE Emissionen, aber es keine allgemeingültig Massnahme sein kann, um uns den Hintern zu retten. Es braucht Einschränkungen bei der Produktion von CO2 und es braucht Änderungen im Verhalten jedes Einzelnen! Ein kleiner Einschub: Schon gar nicht sollten Klimakompensationen als Marketingmassnahmen genutzt werden sollte, um Kunden von seinem eigenen nachhaltigen “Bemühen” zu überzeugen anstatt etwas zu ändern bzw. wirklich nachhaltige Bemühungen umzusetzen (https://www.swissclimate.ch/co2-kompensation?gclid=CjwKCAjw_o-HBhAsEiwANqYhp7PPG89yV-siasttgdjynmfxZ9GqLKaW505QTzG1zPssGgWRIVGXmxoCSIoQAvD_BwE, Swissclimate bringt dies tatsächlich als Argument, was ich mehr als erschreckend finde). Was heisst das nun für mich und mein schlechtes Gewissen? Wohl oder übel, dass ich mich zu recht schlecht fühle. Denn meine Reisen genauso wie manch andere Emission sind definitiv vermeidbar und dienen alleine meinem guten Gefühl und haben Mehrwert für mich alleine.

Ich glaube was ich für mich mitnehme ist mein eigenes Verhalten noch einmal gründlich zu überdenken und vor allem mal detailliert zu schauen, wie viel Emissionen ich denn im Jahr tatsächlich verursache. Und das mit all meinen aktuellen Bemühungen. Und dann gibt es ja vielleicht eine Möglichkeit als Übergangslösung für mich selber, Emissionen einzusparen und diese dann ab und an zu nutzen, um mein nicht perfektes Verhalten dennoch in Verbindung mit einem Klimaschutzprojekt zu machen. Immer noch nicht die perfekte Lösung, aber jetzt gerade im Moment kann ich mir nicht vorstellen, auf gewisse Dinge komplett zu verzichten. Ich reduziere sie sehr gerne, aber ein kompletter Verzicht erscheint mir aktuell nicht realisistisch bzw. nicht langfristig machbar. Das ist nicht richtig von mir und das weiss ich selber. Denn Memo an mich selber: jeder sollte vor seiner eigenen Haustür kehren. Aber vielleicht ist es ein Anfang und ich verspreche mir hiermit selber, dass ich mein Verhalten stetig überdenken werde und vielleicht ist der Punkt, an dem ich den Luxus Urlaub und Auto etc. abgeben kann, gar nicht mehr in so ferner Zukunft!

So viel zu meiner ungefragten Meinung zum Thema Klimakompensation.